Was unsere Vorfahren am 15. August sammelten – und warum Beifuß dabei war
Mitte August. Die Hitze des Hochsommers hat ihren Höhepunkt überschritten. Das Licht wird goldener, die Abende kühler. In den Feldern steht die Ernte, die Kräuter tragen Samen, die Wälder duften nach Harz und trockenem Holz.
Es ist die Zeit, in der man früher in Bayern, Österreich und vielen anderen Regionen Europas mit einem leeren Korb hinaus in die Natur gegangen ist – und mit einem vollen zurückgekehrt ist. Nicht mit beliebigen Pflanzen. Sondern mit genau den richtigen.
Die Kräuterweihe – ein Brauch mit langer Geschichte
Mariä Himmelfahrt, der 15. August, ist seit dem frühen Mittelalter in vielen Regionen Europas mit einem besonderen Brauch verbunden: der Kräuterweihe, auch Wurzweih, Marienbeutel oder Kräuterbukett genannt. An diesem Tag wurden Kräuterbeutel gesammelt, gebunden und in der Kirche gesegnet.
Die Anzahl der Kräuter variierte je nach Region: sieben, neun, manchmal siebenundsiebzig. Jede Region hatte ihre eigene Tradition, ihre eigenen Lieblingspflanzen, ihr eigenes Wissen darüber, was in einen solchen Büschel gehört. Beifuß war in vielen dieser Traditionen dabei.
Warum gerade Mitte August?
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Mitte August liegt in der Mitte zwischen Sommersonnenwende und Herbst-Tagundnachtgleiche – eine der vier Hauptübergangszeiten des Jahres. Das Licht verändert sich spürbar. Die Hochsommerfülle verwandelt sich langsam in die erste Ahnung von Herbst. Viele Kulturen weltweit haben an vergleichbaren Punkten im Jahreskreis Erntedankfeste, Schutzrituale oder Reinigungsbräuche begangen.
Warum war Beifuß dabei?
Das ist eine ehrliche Frage, die eine ehrliche Antwort verdient. Wir wissen nicht mit letzter Sicherheit, warum Beifuß so häufig Teil dieser Bündel war. Was wir wissen: Beifuß ist im August reif. Er steht in voller Blüte, die Pflanze ist aromatisch, die Inhaltsstoffe sind konzentriert. Als Gewürzkraut, als Räucherpflanze, als Mittel der Volksmedizin war er seit Jahrhunderten bekannt.
Der Brauch ist älter als die Kirche, die ihm einen Namen gab.
– Aus der volkskundlichen Forschung zur Kräuterweihe
Ein Brauch, der mehr war als Aberglaube
Wer die Kräuterweihe als bloßen Aberglauben abtut, verpasst etwas. Hinter dem Brauch steckt ein tiefes Wissen über Pflanzen, über Jahreszeiten, über den Rhythmus des Lebens. Die Frauen, die diese Büschel banden, kannten die Pflanzen. Sie wussten, welche Kräuter bei Magenproblemen halfen, welche bei Frauenleiden, welche als Räucherpflanze genutzt werden konnten. Das Binden und Weihen war auch eine Form der Dokumentation: Diese Pflanzen gehören zu diesem Moment im Jahr.
Ein Brauch für heute
Der eigentliche Kern ist simpel: Mitte August hinausgehen. Die Natur des Spätsommers wahrnehmen. Kräuter sammeln, die gerade in ihrer Fülle stehen. Innehalten vor dem nächsten Kapitel des Jahres.
Beifuß lässt sich jetzt – in der zweiten Augusthälfte – an Wegrändern und Böschungen finden. Wenn du ein kleines Bündel nimmst, es trocknest und später als Räucherkraut verwendest, dann ist das keine Esoterik. Es ist eine Form von Aufmerksamkeit, eine Verbindung zur Jahreszeit, ein Stück überliefertes Wissen in einer konkreten Handlung.
Praxis-Tipp: Beifuß jetzt an trockenen, sonnigen Standorten sammeln: Wegränder, Böschungen, Feldhänder. Blühende Triebspitzen nehmen, locker binden, hängend trocknen lassen (ca. 2–3 Wochen). Wichtig: Bei Beifuß-Pollenallergie nicht sammeln oder räuchern. In der Schwangerschaft nicht anwenden.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und Wissensvermittlung. Er ersetzt keine medizinische Beratung und enthält keine Heilversprechen. Bei gesundheitlichen Fragen zu Beifuß – insbesondere in der Schwangerschaft oder bei bekannter Allergie – immer ärztlichen Rat einholen.
Produkte aus diesem Beitrag
Beifuß Räucherstäbchen
Alle Räucherprodukte
Beifuß-Serie – alle 4 Teile
Teil 1: Beifuß – die Pflanze, die am Anfang allen europäischen Kräuterwissens steht
Teil 2: Was unsere Vorfahren am 15. August sammelten – und warum Beifuß dabei war
Teil 3: Eine Pflanze, drei Welten: Beifuß in Europa, Asien und Korea
Teil 4: Was du über Beifuß glaubst – und was tatsächlich dahintersteckt
Weiterlesen
Richtig räuchern: eine Anleitung für den Anfang
Die Raunächte: zwölf Nächte zwischen den Jahren
Mabon: die Herbst-Tagundnachtgleiche zwischen Mythos und Erntedank